Pandemieplan 2007 vs Pandemie 2020

Im Februar des Jahres 2007 hat das hessische Sozialministerium den Pandemieplan Hessen veröffentlicht. Die aktuelle Fassung wurde als Sonderschutzplan 4 in den Aufgabenbereich 5 (Sanitätswesen) des Konzeptes Katastrophenschutz in Hessen aufgenommen.

Es gab also bereits vor dem Frühjahr 2020 einen Plan für das Auftreten einer Pandemie. Wie wurde dieser bei der Corona-Pandemie umgesetzt?

Kapitel 1

Der Pandemieplan selbst beginnt mit einer Erklärung, dass Influenza jährlich 5% aller Menschen infiziere – „manchmal auch mehr“ – und dass 0,7% der Menschen daran sterben – eine erstaunlich hohe Fallsterblichkeit, verglichen mit dem, was seit 2020 kursiert.

Der Pandemieplan erklärt nun, dass sich ein neues Grippe-Virus entwickeln könnte, gegen dass die Menschen keine Abwehrstoffe habe. Es könnten jährlich sehr viel mehr Menschen erkranken als in der jährlichen Grippewelle (15-50% der Bevölkerung in den ersten 8-12 Wochen).

Man kann also nicht behaupten, der Pandemieplan sei nicht auf COVID-19 übertragbar, die Hälfte der Bevölkerung mit Fallsterblichkeit von 0,7% ist ja schon mal schlimmer als COVID-19.

Im folgenden betrachte ich nur die „Phase 6“, die pandemische Phase nach WHO-Definition. Diese wurde bereits am 11. März 2020 durch die WHO ausgerufen.

Kapitel 2

In Kapitel 2 geht es um infektiologische Grundlagen zum Influenza-Virus, aber für die Verbreitung gilt das gleiche, was auch für SARS-CoV-2beschrieben wird.

Kapitel 3

Spannend wird es dann im dritten Kapitel: Risikokommunikation und Information der Öffentlichkeit. Hier steht:

„Eine Kommunikation, die nach diesen Grundsätzen der Offenheit, Aktualität, Transparenz und Fachorientierung betrieben wird, trägt entscheidend dazu bei, ein weiteres, ja das wichtigste Ziel zu erreichen: Die Information der Bevölkerung, ohne zugleich Panik zu erzeugen. Es gilt, über Schutzmaßnahmen und die Zugänge zu diesen zu informieren und dabei deeskalierend zu wirken, Hysterie und Verunsicherung entgegen zu wirken.“

Im sog. Panikpapier des Bundesinnenministeriums dagegen heißt es dagegen:

„Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden:

1) Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause. Das Ersticken oder nicht genug Luft kriegen ist für jeden Menschen eine Urangst. Die Situation, in der man nichts tun kann, um in Lebensgefahr schwebenden Angehörigen zu helfen, ebenfalls. Die Bilder aus Italien sind verstörend.

2) „Kinder werden kaum unter der Epidemie leiden“: Falsch. Kinder werden sich leicht anstecken, selbst bei Ausgangsbeschränkungen, z.B. bei den Nachbarskindern. Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.

3) Folgeschäden: Auch wenn wir bisher nur Berichte über einzelne Fälle haben, zeichnen sie doch ein alarmierendes Bild. Selbst anscheinend Geheilte nach einem milden Verlauf können anscheinend jederzeit Rückfälle erleben, die dann ganz plötzlich tödlich enden, durch Herzinfarkt oder Lungenversagen, weil das Virus unbemerkt den Weg in die Lunge oder das Herz gefunden hat. Dies mögen Einzelfälle sein, werden aber ständig wie ein Damoklesschwert über denjenigen schweben, die einmal infiziert waren. Eine viel häufigere Folge ist monate- und wahrscheinlich jahrelang anhaltende Müdigkeit und reduzierte Lungenkapazität, wie dies schon oft von SARS-Überlebenden berichtet wurde und auch jetzt bei COVID-19 der Fall ist, obwohl die Dauer natürlich noch nicht abgeschätzt werden kann.“

Diese Kommunikationsstrategie unterscheidet sich fundamental von der Strategie, die eigentlich für den Pandemiefall geplant war. Warum dieser Wechsel? Mit initiiert wurde diese Strategie nach Recherchen der WELT von einem begeisterten Mao-Anhänger, der von China für lobende Beiträge bezahlt wurde.

Kapitel 4

In Kapitel 4 geht es weiter mit „Früherkennung und Surveillance“. Hier wird ein Problem beschrieben, das dann auch so eingetreten ist:

„Problematisch dabei ist, dass mit zunehmender Fallzahl der Meldeaufwand mit der Durchführung der Diagnostik und der Äußerung eines entsprechenden Verdachtes wächst. Daher kann es zu Überlastungssituationen und einer Unvollständigkeit der Erfassung kommen. Die zunehmende Ressourcebindung bei dann mutmaßlich sinkender Vollständigkeit schränken die Aussagefähigkeit des Systems stark ein und können das Aufwand-Nutzen Verhältnis ungünstig beeinflussen.

Aus diesem Grunde sind ergänzende Systeme mit höherer Belastbarkeit erforderlich um eine kontinuierliche Verlaufsbeobachtung zu erreichen und Vergleiche anzustellen.“

Rückblickend war die Überlastung der Gesundheitsämter im Pandemieplan vorhergesehen, und es waren alternative bzw. ergänzende Systeme, wie z. B. regelmäßige Bevölkerungsstichproben oder Serumstudien, vorgesehen. Stattdessen verließ man sich immer auf die ungenauen (Melde-)Inzidenzen. Studien und Stichproben wurden von Experten immer wieder gefordert, aber kaum umgesetzt und warten teilweise immer noch auf ihre Auswertung.

Ein alternatives Überwachungssystem gab es durch die Surveillance des Grippe-Web, allerdings wurde es praktisch nie von RKI genutzt. Geplant war sogar die Erweiterung:

„Das Erfassungssystem der AGI hat jedoch Defizite im Bereich der kleinräumigen regionalen Auflösung. Um die Erkrankungssituation bei einer Pandemie kleinräumiger (z.B. kreisbezogen) abbilden zu können, muss dieses System verdichtet werden. Daher wird geplant in Kooperation mit dem RKI in Hessen ein ergänzendes Pilot-Sentinelsystem mit primärversorgenden Praxen aufzubauen, das eine kreisbezogene Interpretation der Daten erlaubt. Die Erfassung soll direkt an die Routinedokumentation in dem Praxis-EDV-System angelehnt sein und einen geringen Melde-Aufwand in den Praxen erfordern.“

Dies wurde nicht umgesetzt. Die geplante Krankenhaus- und Mortalitätssurveillance wurde allerdings umgesetzt.

„Die Gesamtmortalität ermöglicht es, davon unbeeinflusst, den Exzess von Todesfällen und damit auch die Gefährdung der unterschiedlichen Altersgruppen einzuschätzen.“

Die wöchtentliche Risikobewertung des RKI blieb die detaillierte Einschätzung der Gefährdung der unterschiedlichen Risikogruppen schuldig.

Kapitel 5

In Kapitel 5 werden die Maßnahmen der Infektionskontrolle vorgestellt.

Zur Quarantäne von Kontaktpersonen schreibt der Pandemieplan:

„Derartige Maßnahmen sind jedoch nur solange angebracht wie man noch eine Eingrenzung und damit eine Zurückdrängung der Infektion erreichen kann (Containment Beispiel SARS/neues Influenzavirus Phase 4/5 WHO). Ist dies nicht mehr möglich, macht eine Quarantäne keinen Sinn.“

Der Pandemieplan schreibt also, dass in der Pandemischen Phase (ausgerufen 03/20) die Quarantäne von Kontaktpersonen keinen Sinn mehr macht. Ein eklatanter Widerspruch zum Handeln in der Pandemie.

Zur Kontrolle am Flughafen schreibt der Pandemieplan:

„Die Effektivität einer solchen Maßnahme ist auch höchst zweifelhaft, da Infizierte in der Inkubationszeit nicht zu erkennen sind. Aus diesen Gründen sind derzeit keine systematischen Einreisekontrollen in Frankfurt vorgesehen.“

Auch dies wurde ignoriert.

Versammlungsverbote und Schließungen von Kindergemeinschaftseinrichtungen wurden vorgesehen und auch umgesetzt.

Bezüglich Masken wird ausgeführt:

„Welche Schutzwirkung durch das Tragen von Maskentypen bei durch Tröpfchen und/oder aerogen übertragbaren Infektionen erreicht wird, ist im Einzelnen nicht bekannt, hängt aber sicherlich auch von der Art und Weise der Verwendung ab.“ und „nach Ablegen der Masken müssen die Hände gewaschen werden.“

Bei der Umsetzung der Maskenpflicht sind diese Dinge sicherlich nicht beachtet worden.

Die Planung und Durchführungen der Impfungen erfolge ähnlich wie beschrieben.

Kapitel 7

Kapitel 7 beschreibt die Krankenversorgung.

Aktuell sind in Hessen knapp über 10.000 Todesfälle mit oder an COVID-19 gemeldet, das liegt unter der Zahl von 11.900 nach dem melzer Modell. Auch eine Inzidenz von 5.000 nach dem (mittleren Szenario des) Melzer Modell wurde nie erreicht, auch die Hospitalisierungsinzidenz von 100-150 ist nie auch nur Ansatzweise erreicht worden.

Zur Steigerung der Krankenhauskapazitäten wurde ein vierstufiges Eskalationsmodell aufgestellt. Dabei werden beispielsweise auch Rehabilitationskliniken in die Versorgung in Stufe 3 mit eingebunden.

„Dies würde theoretisch eine Versorgung aller hospitalisierungspflichtigen Patienten bei einer Erkrankungsrate von 30 % (Meltzer Modell) ermöglichen.“

Dazu ist es allerdings nie gekommen, die Rehabilitationskliniken waren im Frühjahr 2020 in Kurzarbeit, belegt mit Corona-Erkrankten wurden sie allerdings im gesamten Pandemie-Verlauf nicht. Die Krankenhäuser hatten eine historisch niedrige Bettenauslastung. Dennoch wurde ständig vor einer Überlastung des Gesundheitssystems gewarnt, obwohl das Eskalationsmodell immer noch auf Stufe 1 oder 2 war.

Kapitel 9

In Kapitel 9 geht es die Reduzierung der gesellschaftlichen Auswirkungen.

„Alle Betriebe, Behörden oder Institutionen gleich welcher Art sollen daher Pläne für die Aufrechterhaltung der Arbeitsleistung während einer Pandemie aufstellen.“

Mit den Lockdowns wurde auch hier prakisch das Gegenteil gemacht.

Kapitel 12

In Kapitel 12 werden noch weitere Maßnahmen genannt, tabellarisch. Hier ein paar Beispiele:

„Ermittlung von Kontaktpersonen: Nein“

„Häusliche Isolierung von Ansteckungsverdächtigen und Gesundheitsüberwachung: Nein“

Die Ermittlung von Kontaktpersonen und deren häusliche Isolierung war in der pandemischen Phase nicht mehr vorgesehen.

„Meldung beim Gesundheitsamt bei Symptomen: Nein“

„Empfehlung für symptomatische Personen die Wohnung nicht zu verlassen: Ja“

Durch die ständigen Testungen wurde dem zuvorgekommen. Bezüglich der Testungen schreibt Anlage 8: Labordiagnostik:

„In der Hochphase einer Pandemie (WHO Phase 6) ist die Labordiagnostik nur besonderen Fragestellungen vorbehalten, die individuelle Diagnose primär klinisch zu stellen und den Verlauf der Pandemie so wie die Effekte von Interventionsmaßnahmen durch Erkrankungssurveillance zu überwachen.“

Auch hier, ein völliger Widerspruch zum aktuellen Vorgehen in der jetzigen Pandemie.

„Mund-Nasen-Schutz in der Öffentlichkeit: Weitere Daten zur Bewertung der Wirksamkeit erforderlich.“

Fazit

Die Politik hat einen von echten Experten in „ruhigen“ Zeiten aufgestellten Pandemieplan nicht nur ignoriert, sondern in den folgenden Punkten über mehrere Jahre sogar aktiv das Gegenteil gemacht:

  • Kommunikation
  • Testungen von möglichen Infizierten
  • Ermittlungen und Quarantäne von Kontaktpersonen
  • Reisebeschränkungen
  • Betriebsschließungen (Lockdown)

Ich finde, das muss erklärt und begründet werden.


Weitere Beiträge zu COVID-19

Veröffentlicht von Zacharias Fögen

Arzt. Psychosomatiker. Tiefenpsychologe. Verheiratet, Vater von zwei Söhnen. Gegner der Corona-Maßnahmen. Antikapitalist und Antisozialist.

2 Kommentare zu „Pandemieplan 2007 vs Pandemie 2020

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