Mildes Omikron: Nur ein Harvesting-Effekt?

Stellen sie sich vor, für jedes Jahr gebe es eine bestimmte Zahl an hochgradig vulnerablen Menschen, die von jeder respiratorischen Erkrankung dahingerafft werden, sei es Grippe, COVID-19 oder eine bakterielle Lungenentzündung. Was passiert, nachdem es diese alle erwischt hat? Die Sterbezahlen sinken. Dieser Effekt wird als „Harvesting-Effekt“ bezeichnet. Was hat das mit Omikron zu tun?

Darauf komme ich gleich.

Ich habe schon in mehreren Beiträgen darüber geschrieben, dass sich die Gefährlichkeit von SARS-CoV-2 nicht von der Gefährlichkeit anderer saisonaler Viren abhebt. Dazu seien ihnen an dieser Stelle diese beiden beistehenden Beiträge ans Herz gelegt.

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Grundsätzlich stellt sich aber dennoch die Frage, ob die Omikron-Variante milder ist als die anderen Varianten vorher, oder ob sie gleich gefährlich ist. Auch wenn sich die anderen Varianten nicht von den endemischen Viren abgehoben haben, ist es dennoch wichtig und wertvoll zu wissen, ob Omikron wirklich harmloser ist.

An dieser Stelle kommen SARI ins Spiel. SARI (schwere akute respiratorische Infektionen) sind nicht automatisch mit Toten gleichzusetzen, aber wir nutzen es hier einmal, um alle saisonalen (Lungenerkrankungs)-Todesfälle zu approximieren. Wir tun also so, als ob es sich hierbei direkt um Sterbefälle handeln würde, unabhängig davon, ob sie letztendlich überleben oder nicht.

Wir haben also zwei Voraussetzungen: Einmal, dass SARI die allgemeine Vulnerabilität abbilden, und zweitens dass die Summe der endemisch zirkulierenden Viren mit und ohne COVID immer auf die gleiche allgemeine Vulnerabilität treffen, und dann auch immer etwa gleich viele „Opfer“ hervorufen.

Unter diesen beiden Voraussetzungen sollte jedes Jahr (bzw. jede Saison) etwa die gleiche Zahl an SARI-Fällen auftreten. Sehen sie sich die folgende Grafik (Zusammenschnitt mehrerer Grafiken der AG Influenza am RKI) der SARI der letzten fünf Jahre an. Diese Daten stammen aus Sentinel-Kliniken, die eine gut repräsentative Stichprobe der deutschen Kliniken sind:

In dieser Grafik kann man extrem viel sehen. Wir wollen erst mal auf die Altersgruppe 60+ sehen, diese ist bis 40/2019 in violett dargestellt, danach in Blau und grau.

Wir sehen hier jährliche Spitzen in der Grippesaison, auch Anfang 2020, allerdings 2020 etwas schwächer.. Danach kommt ab KW 40/2020 ein starker Anstieg, der von der Höhe her etwa mit den Vorjahren vergleichbar ist, gefolgt von einem zweiten Gipfel bei der Gruppe 60–79 im Frühling („3. Welle“).

Dann gibt es einen dritten Gipfel in 2021, beginnend ab KW 40/2021, der aber noch vor Jahresende aufhört („4. Welle“). Und genau an diesem Zeitpunkt übernimmt plötzlich Omikron und ist so viel milder?

Liegt es nicht viel näher, dass der Peak für die Wintersaison 2021/2022 schon erreicht worden ist? Zu bedenken ist auch, dass es davor ein kleines Zwischenhoch gab, das also noch mehr vorgezogenen Todesfällen aus der vulnerablen Gruppe entsprechen würde.

Dies würde bedeuten, dass Omikron nicht milder ist, sondern die Schwachen des Jahrgangs bereits durch die Frühlings- und Herbstwelle dahingerafft wurden.

Wie ist in diesem Zusammenhang eigentlich die Impfquote zu bewerten? Nunja, es scheint ja offensichtlich zu sein, dass die Herbstwelle 2021 sich nicht allzu sehr von den anderen Unterscheidet. Das muss nicht unbedingt an der schwachen Impfung liegen, aber die hochvulnerablen Sterben dann halt an irgend etwas anderem.

Für hochinteressant halte ich die Zahl der SARI unter den 35-59jährigen (hier nochmal die gleiche Grafik, damit sie nicht scrollen müssen).

Diese liegt in der 2. und 3. Corona-Welle deutlich über der Zahl der Vorjahre. Diese recht deutliche Erhöhung lässt sich in meinen Augen auf die Maskenpflicht zurückführen (Wer meine Studie zum Foegen-Effekt gelesen hat, der weiß, was ich meine). Diese Gruppe ist überwiegend noch am Arbeiten und damit viel häufiger von der Maskenpflicht am Arbeitsplatz betroffen als die über 60jährigen und noch viel deutlicher als die über 80jährigen, bei denen die dritte Welle ja praktisch ausgesetzt hat.

Der Peak zwischen KW 40/2021 und 01/2022 dagegen lässt sich gut etwa mit der Grippewelle Anfang 2018 vergleichen. Also auch hier liegt die Vermutung nahe, dass die Schwachen schon verstorben sind, bevor Omikron die „Herrschaft“ übernommen hat.

Was die Altersgruppen zwischen 5 und 34 angeht, so sind die doch weitgehend verschont geblieben, nachdem die Grippewelle Anfang 2020 doch einige mehr getroffen hat. Es erscheint klar, dass die Impfung hier nichts bringt.

In der Altersgruppe der 0-4jährigen sehen wir die außergewöhnlich lange und hohe RSV-Welle (respiratory syncytical virus) die aus dem unterbleiben der Winterwelle 2021 resultiert.

Das hier im übrigen ist nicht mein erster Beitrag zur Gefährlichkeit von Omikron, mein anderer Beitrag geht methodisch deutlich anders vor, den finden sie hier:

Mein Fazit

Für mich ist die Frage, ob Omikron milder ist, hiermit eigentlich schon beantwortet. Nein, ist es nicht. Es gibt auch schlicht keine plausible physiologische Erklärung dafür. Update: Ein Kommentator verwies mich dankenswerterweise darauf, dass die Mutation von Omikron dazu führt, dass es zu weniger Zellverschmelzungen kommt, Durch diese Zellverschmelzungen kapert das Virus benachbarte Zellen und vereint sie zu einer einzigen, großen Zelle. Das wäre in der Tat eine Erklärung dafür, warum sich Omikron in der Lunge weniger stark ausbreitet und auch weniger „schlimm“ ist. Hinweise gibt es jedenfalls inzwischen dafür, dass sich das Virus mehr im Nasenraum und weniger in der Lunge verbreitet. Wie groß der dadurch entstehende Unterschied ist, bleibt allerdings unklar. Es wird wahrscheinlich „beides“ sein.

Aber es taugt als Ausstiegsszenario für viele Regierungen. Wenn man nicht komplett als Versager dastehen will, kann Omikron eine gute Ausrede sein – Omikron, dass ja angeblich so viel milder ist.

Die Maßnahmen waren von Anfang an nicht gerechtfertigt. Die Angstmache war von Anfang an unverantwortlich. Und jetzt wollen sich die Verantwortlichen mit Omikron rausstehlen? Nicht mit mir.


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Veröffentlicht von Zacharias Fögen

Arzt. Psychosomatiker. Tiefenpsychologe. Verheiratet, Vater von zwei Söhnen. Gegner der Corona-Maßnahmen. Antikapitalist und Antisozialist.

5 Kommentare zu „Mildes Omikron: Nur ein Harvesting-Effekt?

  1. Doch, es gibt eine pathophysiologische Erklärungen. Nämlich die zwei Mutationen in Nachbarschaft zur Furin Cleaving Site des S Proteins. Diese sorgen dafür, dass im Rahmen der Infektion weniger Synzitien entstehen und somit auch die Rate extrapulmonaler klinischer Manifestationen sinkt.

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