Beim Tempolimit geht es weder um Spaß noch um Ehre

Die BZ lässt zwei Autoren über das Tempolimit schreiben, Nicole Zepter dafür und Jesko zu Dohna dagegen. Während ich gelesen habe was letzter schrieb, dachte ich mir: „Der ist doch in seinem Leben noch nie schnell Auto gefahren und bedient sich einfach nur klassischer Vorurteile“. Und dann kam dieser Satz:

Mir persönlich ist das Tempolimit auf der Autobahn nämlich völlig egal. Denn schnelles Autofahren stresst mich. Denn meinen Wagen (Baujahr 1985) lasse ich am liebsten mit entspannten 90 Kilometern pro Stunde über die Stadtautobahn tuckern.

Jesko zu Dohna

Liebe Berliner Zeitung, warum last ihr so jemanden über das Tempolimit schreiben?

Beim Tempolimit geht es nicht um Spaß und auch nicht um Ehre. Es geht darum, schneller am Ziel anzukommen. Ich pendele schon seit mehreren Jahren ca. 50km über die Autobahn. Aus meiner beruflichen Erfahrung in der Reha kenne ich noch viel mehr Menschen, die noch längere Strecken pendeln. Aber nehmen wir mal die 50km.

Eine Strecke von 50km legt man mit 230km/h in 13 Minuten zurück, mit 130km/h in 23 Minuten. Das sind bei 5 Arbeitstagen pro Woche für Hin- und Rückfahrt pro Woche schon 1 Stunden und 40 Minuten! Selbst wenn ich durch Abbremsen und Beschleunigen und lokale Geschwindigkeitsbegrenzungen langsamer fahren muss, bleibt es bei einer Stunde gespart. Wer denkt, dass das wenig ist, der kann ja mal seinen Chef fragen, ob er seine Wochenarbeitszeit bei gleichem Gehalt um eine Stunde reduzieren darf.

Diese eine Stunde pro Woche kann ich nicht mit meiner Familie verbringen. Diese eine Stunde wird mir durch ein Tempolimit jede Woche geklaut. Und ja, da reagiere ich emotional. Ich fahre schnell, weil ich schnell nach Hause möchte, nicht weil es Spaß macht oder ich meinen Nationalstolz damit ausdrücke – was für ein Humbug!

Pendeln ist nunmal eine Notwendigkeit in unserer Gesellschaft. Die Urbanisierung führt dazu, dass es in den Städten immer teurer wird zu wohnen und immer weniger Menschen in ihrem eigenen Haus wohnen können. Die Einführung eines Tempolimits auf Autobahnen hängt die ländlichen Gegenden nur noch weiter ab. Das nützt letztendlich nur den großen Wohnungsbaugesellschaften in den Städten.

Und zu dem Pendeln kommen natürlich noch diejenigen hinzu, die aus dienstlichen Gründen mit dem PKW fahren.

Dass der Satz „Freie fahrt für freie Bürger“ bis heute von aggressiven Schraubenvertretern von der Schwäbischen Alb zur Rechtfertigung dafür verwendet wird, dass sie mit ihrem Firmenwagen (meist ein Audi A6 Variant) mit 243 Kilometern pro Stunde auf der A94 zwischen Ampfing und Marktl mit Lichthupe auf der linken Spur langsamere Verkehrsteilnehmer aus dem Weg kegeln, ist der nervige Nebeneffekt dieser PR-Kampagne.

Jesko zu Dohna

Wenn also der Schraubenvertreter statt mit 243 zukünftig mit 130 fährt, braucht er fast doppelt so lange. Da wird sich sein Arbeitgeber überlegen, ob er die Dienstfahrten nicht lieber in Dienstflüge umwandelt – CO2 spart das übrigens nicht.

Durch das Tempolimit und seine Auswirkungen auf das pendeln wird der ländliche Raum natürlich auch für Arbeitgeber uninteressanter, was wiederum zur Urbanisierung beiträgt.

Das sagt die Gegenseite

Die Gegenseite argumentiert, es gäbe ja weniger Verkehrstote und 2 Mt weniger CO2 pro Jahr.

Je 1 Mrd. KfZ-Kilometer (!) werden auf der Autobahn nur 1,5 Tote gezählt, auf allen anderen Strecken aber 5,2. Autobahnen sind nunmal extrem sicher, 2020 gab es nur 102 Unfälle an Orten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, bei denen nicht angepasste Geschwindigkeit eine Rolle spielte (Quelle, S. 93). Bei Unfällen mit 120 bzw. 130kmh Höchstgeschwindigkeit gab es (außerhalb von Baustellen) 20,3 bzw. 21,5 Tote pro 1000 Unfälle. Bei Gebieten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung waren es 23,55. Erst bei 100kmh sinkt diese Rate auf 11,9. Eine so große Rolle spielt die Geschwindigkeit selbst also nicht.

Wer die Verkehrstoten reduzieren will, sollte also den Verkehr auf den anderen Strecken reduzieren. Beispielsweise mit kostenlosem öffentlichen Nah- und Fernverkehr. Der deutsche PKW-Verkehr stößt im Jahr knapp 200MT CO2 aus. Wenn nur 1% der PKW-Fahrer durch kostenlosen ÖPN+FV auf die Schiene umsteigen, würde man sofort 2Mt CO2 sparen. Und jeder weitere Prozentpunkt reduziert die Ersparnis um weitere 2Mt. Außerdem würde sich die Zahl der Verkehrsunfälle entsprechend auch um die gleiche Prozentzahl reduzieren.

Veröffentlicht von Zacharias Fögen

Arzt. Psychosomatiker. Tiefenpsychologe. Verheiratet, Vater von zwei Söhnen. Gegner der Corona-Maßnahmen. Antikapitalist und Antisozialist.

3 Kommentare zu „Beim Tempolimit geht es weder um Spaß noch um Ehre

  1. Kalle Möllmann hat sich in seiner 2001 verfassten „Broschüre“ über Geschwindigkeiten auf Autobahnen ausgelassen. Seine Argumentation ist ebenso stimmig wie Ihre. In der eingebundenen pdf-Datei beginnt das Kapitel auf Seite 24:
    https://www.depressionjailbreak.com/Science-fRiction
    Eine Kostprobe: Ein guter und sicherer Autofahrer wird hierzulande als Raser verleumdet, einzig aufgrund seiner Geschwindigkeit. Geschwindigkeit ist aber im ganzen weiten Universum das wichtigste Kriterium für Kompetenz, Fähigkeit und für Intelligenz. Irgendwie ist es einer kleinen Macht-Clique, einer Sekte gewissermaßen gelungen, der Deutschen liebstes Kind, das Auto, so nachhaltig zu verteufeln, daß jetzt Krieg herrscht. Jeder gegen jeden. Straßen werden zurückgebaut. Oder vergammeln.

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